Wie sich ein Leben ohne Alkohol anfühlt

Seit über zwei Jah­ren habe ich kei­nen Al­ko­hol ge­trun­ken. Zu­vor war ich dem Fei­er­abend­bier nicht ab­ge­neigt, auf Fes­ten war es auch mal et­was zu viel. Wie konn­te aus mir ein Ab­sti­nenz­ler wer­den? Und wie lan­ge soll das so bleiben?

Vor­ab soll ge­sagt sein: Hier geht es um kei­ne Chal­len­ge (da­von gibt es schon ge­nug), son­dern ich be­schrei­be mei­ne Er­fah­run­gen mit ei­ner lan­gen Ab­sti­nenz. Kei­nes­falls möch­te mit die­sem Ar­ti­kel je­man­den be­keh­ren. Denn auch ich habe wun­der­ba­re Par­tys er­lebt, auf de­nen kein Auge tro­cken ge­blie­ben ist. Es gab un­zäh­li­ge ku­rio­se Mo­men­te und Be­geg­nun­gen, an die ich auch Jah­re spä­ter ger­ne zu­rück­den­ke. Und über die viel und laut ge­lacht wird, wenn sie beim Er­zäh­len mit je­der Run­de bes­ser werden.

Das al­les ge­hört in eine an­de­re Zeit: Ju­gend, Stu­di­um, eine Le­ben mit we­ni­ger Pflich­ten als heu­te. Die Ge­wich­te lie­gen heu­te an­ders ver­teilt. Und das ist – nüch­tern be­trach­tet (sor­ry, der Wort­witz muss­te sein) – voll­kom­men okay.

Der Morgen danach als Anfang vom Ende

Es be­gann mit ei­nem Ka­ter. Nach ei­ner Ge­burts­tags­fei­er mit Über­nach­tung bei Freun­den muss­te ich sehr früh raus. Noch vor dem Früh­stück pack­te ich mei­ne Sa­chen und fuhr nach Hau­se. Wäh­rend der ge­sam­ten Au­to­fahrt heg­te ich erns­te Zwei­fel an mei­ner Fahr­tüch­tig­keit, erst am Abend war ich wie­der ei­ni­ger­ma­ßen zu ge­brau­chen. Der Ge­dan­ke dar­an lässt mich noch heu­te mit dem Kopf schüt­teln. Und so kam mir – mal wie­der – in den Sinn, eine Pau­se vom Al­ko­hol einzulegen.

Eine Wo­che war das Ziel. Und schon das war eine ge­wis­se Her­aus­for­de­rung: Zwar wür­de ich schwö­ren, kein Pro­blem mit dem Al­ko­hol ge­habt zu ha­ben. Je­doch ver­ging in den letz­ten Jah­ren kaum eine Wo­che, in der kein Gläs­chen ge­ho­ben oder kei­ne Fla­sche an den Hals ge­setzt wur­de. Klingt das ver­däch­tig, ist das ein Schuldeingeständnis?

Wie dem auch sei. Nach­dem ich eine Wo­che lang durch­ge­hal­ten hat­te, war mein Ehr­geiz ge­weckt. Ich hat­te eine Strich­lis­te an­ge­legt und woll­te die Se­rie auf­recht­erhal­ten. Aus sie­ben Ta­gen wur­den vier Wo­chen, aus ei­nem Mo­nat wur­den 365 Tage, nun sind es schon zwei Jahre.

Tipp: Eine kur­ze abend­li­che Do­ku­men­ta­ti­on kann der Schlüs­sel für das Durch­hal­ten sein. Hier­für gibt es Apps in al­len For­men und Far­ben – ich hat­te ein klei­nes No­tiz­heft in der Kom­mo­de. Je­der Strich ein Er­folgs­er­leb­nis, ein Zei­chen der Machbarkeit.

Alkoholfrei: Gesund, fair und klar

Mein neu­es Le­ben ohne Al­ko­hol mach­te sich so­fort bezahlt.

In den ers­ten sechs Mo­na­ten habe ich zehn Pro­zent mei­nes Kör­per­ge­wichts ver­lo­ren. Nach­dem ich jah­re­lang auf zu ho­hem Ni­veau ver­harr­te, hat­te ich end­lich den rich­ti­gen He­bel ge­fun­den. Das Fin­g­er­las­sen vom Al­ko­hol lös­te ei­nen sich selbst ver­stär­ken­den Ef­fekt aus: Ich habe ge­ne­rell mehr über Er­näh­rung nach­ge­dacht und we­ni­ger ge­nascht. Und um auf Num­mer si­cher zu ge­hen, bin ich auch noch je­den Tag spa­zie­ren gegangen.

Eben­falls sehr ge­winn­brin­gend ist es, dass mir die Kin­der­be­treu­ung an Ta­gen nach Fei­ern deut­lich leich­ter fällt. Wer schon ein­mal mit ei­nem Ka­ter zwei Klein­kin­der be­schäf­ti­gen muss­te, kennt das si­cher­lich. Die Laut­stär­ke, die En­er­gie und Fra­gen des Nach­wuch­ses kön­nen den Lei­den­den voll­ends zer­stö­ren. Auch ist es den Klei­nen ge­gen­über un­fair, den Sonn­tag kraft- und lust­los her­um­zu­schlei­chen und die ei­ge­nen Wun­den zu le­cken. Denn sie kön­nen nichts da­für, dass Papa am Abend zu­vor fünf­mal das letz­te Bier ge­trun­ken hat.

Nach etwa vier Mo­na­ten kam der ul­ti­ma­ti­ve Test: Freun­de ha­ben ge­hei­ra­tet. Auch die­se Hür­de habe ich spie­lend ge­meis­tert. Taxi? Brauch­te ich nicht, ich bin ein­fach selbst ge­fah­ren. Das Bes­te dar­an war, dass ich Spaß hat­te wie sonst auch, wenn nicht so­gar mehr. Vor al­lem konn­te ich mich auch nach Mit­ter­nacht noch in Ge­sprä­che ein­brin­gen und elo­quen­te Wort­wit­ze kre­ieren – eine ab­so­lu­te Lei­den­schaft von mir. Am nächs­ten Mor­gen bin ich um acht Uhr auf­ge­stan­den und habe den Haus­halt er­le­digt – ein­fach so. Die­se Er­fah­rung hat mich wei­ter beflügelt.

Leichte Ungläubigkeit und Durchhaltewille

Be­mer­kens­wert sind die Re­ak­tio­nen in der Fa­mi­lie und von Freun­den. Wer mich kennt, zeigt sich mit­un­ter er­staunt über mei­ne ver­än­der­te Ein­stel­lung. Un­ter­stüt­zung und An­sporn zum Durch­hal­ten sind da­ge­gen eher sel­ten. Viel­mehr wird ver­mu­tet, dass ich ir­gend­wann schon wie­der ein Gläs­chen mittrin­ken wür­de. Viel­leicht liegt es auch dar­an, dass ich beim Er­klä­ren ner­vös wer­de und da­durch nicht im­mer über­zeu­gend wirke.

Doch mitt­ler­wei­le ist ein Punkt er­reicht, an dem eine Rück­kehr zum Etha­nol eher un­wahr­schein­lich ist: Auch als ich nach zwölf Jah­ren von ei­nem Tag auf den an­de­ren mit dem Rau­chen auf­ge­hört hat­te, war ich über die Leich­tig­keit über­rascht. Ich woll­te es mir zu­ge­ste­hen, zu be­son­de­ren An­läs­sen auch mal eine Zi­ga­ret­te mit­zu­rau­chen. Durch die­se Hin­ter­tür soll­te ein mög­li­ches Schei­tern ab­ge­mil­dert wer­den. Nun bin seit fünf Jah­ren ni­ko­tin­frei – und un­ter kei­nen Um­stän­den wür­de ich mir noch­mal ei­nen Glimm­stän­gel anzünden.

Ganz oder gar nicht – anders geht es nicht

Der Haupt­grund für die er­folg­rei­che Um­stel­lung ist die Ra­di­ka­li­tät: Durch den selbst auf­er­leg­ten Kom­plett­ver­zicht ist es un­mög­lich, sich selbst zu be­schei­ßen. Wer ein­fach nur “we­ni­ger” trin­ken möch­te, wird scheitern.

Apro­pos Ge­schmack: Al­ko­hol­frei­es Bier kann sehr gut schme­cken, wenn man sich ein we­nig Zeit gibt, sich dar­an zu ge­wöh­nen. Noch vor ei­nem Jahr habe ich in Be­zug auf die­se ku­li­na­ri­sche Al­ter­na­ti­ve stets be­tont, wie selt­sam die­ses Null-Kom­ma-Null-Zeug doch schme­cke. Heu­te freue ich mich auf mein al­ko­hol­frei­es Fei­er­abend­bier. Ei­gent­lich ein Un­ding, dass es durch die kom­pli­zier­te Her­stel­lung teu­rer ist als das Ori­gi­nal mit fünf Prozent.

Es mag ab­ge­dro­schen klin­gen, aber ich habe ge­lernt: Al­les ist mög­lich. Die Ab­sti­nenz war un­ge­plant, aber sie darf ger­ne blei­ben. In mei­nem neu­en Le­ben ohne Al­ko­hol fehlt nichts. Wei­te­re Ver­än­de­run­gen sind nicht aus­ge­schlos­sen: Seit ei­ni­ger Zeit esse ich deut­lich we­ni­ger Fleisch in der Kan­ti­ne – wer weiß, was als nächs­tes kommt.

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