Ein Weg zu mehr Verkehrsmoral

Nie­mand mag Mo­ral­apos­tel – schon klar. Doch es braucht die­sen Bei­trag, um mehr Ord­nung auf die Stra­ße zu brin­gen. Das Ver­hal­ten vie­ler Au­to­fah­rer ge­hört neu ka­li­briert. Auch bei de­nen, die sich (schon) für gute Fah­rer halten.

Neu­lich im Bran­den­bur­gi­schen: Es ist fünf Uhr mor­gens und dun­kel, al­les schläft. Ich sit­ze in mei­nem Auto. Bis zur öf­fent­li­chen Stra­ße sind es gut vier­zig Me­ter. Ich schnal­le mich an, star­te den Mo­tor, set­ze den Blin­ker und fah­re los … Hal­lo? Ich set­ze den Blin­ker?! Auf mei­nem Grundstück!

Ich habe laut auf­ge­lacht. Auf der fol­gen­den Fahrt war mir je­doch mal wie­der we­nig zum La­chen zu­mu­te. Leu­te, was ist mit euch los, wenn ihr Auto fahrt? Seid ihr denn von al­len gu­ten Geis­tern verlassen?

De­fi­ni­ti­on: Un­ter Mo­ral ver­steht man die Ge­samt­heit gel­ten­der Wer­te, Nor­men und Tu­gen­den. Sie be­schreibt das Han­deln nach den Re­geln des gu­ten Umgangs.

Ob sich die Mo­ral im Stra­ßen­ver­kehr ver­schlech­tert oder ver­bes­sert hat, sei da­hin­ge­stellt: Für mei­nen Ge­schmack ist sie zu we­nig ausgeprägt.

Liebe Mitpendler, wo ist eure Verkehrsmoral geblieben?

Ich bin Pend­ler und fah­re täg­lich mit dem Pkw zur Ar­beit. Hal­te ich mich an die er­laub­te Ge­schwin­dig­keit (was ich kon­se­quent tue), brau­che ich für die 60 Ki­lo­me­ter rund 55 Mi­nu­ten. Das ma­che ich nun schon seit zwei Jah­ren so und doch kann ich mich an eine Sa­che nicht ge­wöh­nen: Ich wer­de pau­sen­los über­holt, selbst wenn ich mit der zu­läs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit un­ter­wegs bin. Da fra­ge ich mich: Ist das ei­gent­lich normal?

Mitt­ler­wei­le ken­ne ich mei­ne Mit­pend­ler, vie­le über­ho­len mich je­den Tag. Ich ver­mu­te bei ih­nen ein ge­ne­rel­les Pro­blem: Sie sind nicht fä­hig, sich zu or­ga­ni­sie­ren. Denn wenn ich weiß, dass ich un­ter Ach­tung der Re­geln eine Stun­de für die Fahrt be­nö­ti­ge, fah­re ich eine Stun­de vor dem Ter­min los – und brau­che dann auch nicht zu rasen.

Un­ter­su­chung: Der ADAC hat im Jahr 2011 zum The­ma Über­ho­len auf Land­stra­ßen ein le­sens­wer­tes Fach­dos­sier ver­öf­fent­licht. Dar­in wird un­ter­sucht, wie groß der Zeit­vor­teil durch Über­hol­ma­nö­ver ist (Spoi­ler-Alarm: un­be­deu­tend) und wel­che psy­cho­lo­gi­schen Fak­to­ren eine Rol­le spielen.

Im Verkehr ticken die Uhren anders

Rund um die The­men Acht­sam­keit und Ent­schleu­ni­gung hat sich eine ei­gen­stän­di­ge Be­ra­ter­in­dus­trie eta­bliert, die – ge­mes­sen an ih­ren er­ziel­ten Um­sät­zen – re­gen Zu­spruch er­fährt. Nur hin­term Steu­er schei­nen die dort für das Le­ben so wert­vol­len, hart er­ar­bei­te­ten Vor­sät­ze schnell ver­ges­sen. Die Re­geln des An­stands sind häu­fig gar ins Ge­gen­teil verkehrt.

Mit ei­nem PS-star­ken Fahr­zeug hin­ter ei­nem Klein­wa­gen her­zu­fah­ren, scheint für vie­le un­mög­lich zu sein. Nach dem Mot­to: Wenn ich schon so viel Geld für mei­nen Wa­gen be­zahlt habe, möch­te ich bit­te auch zü­gi­ger ans Ziel kom­men als der über­vor­sich­ti­ge Trot­tel, der da vor mir her­schleicht. Wer mit dem Über­ho­len doch mal kurz war­ten muss, gibt an­schlie­ßend noch mehr Gas.

Der Wunsch nach schnel­lem Fort­kom­men wird häu­fig mit feh­len­der Zeit be­grün­det. Es ist pa­ra­dox: Men­schen ha­ben kei­ne Zeit – und schau­en abends drei Stun­den Net­flix. Was – um al­les in der Welt – ist ei­gent­lich so schlimm dar­an, in ei­nem kli­ma­ti­sier­ten Fahr­zeug zu sit­zen und da­bei wahl­wei­se Mu­sik oder Pod­casts zu hören?

Verschobene Wahrnehmung und verkehrte Welt

Letzt­end­lich lau­tet die Fra­ge­stel­lung, wie oder wo­mit ich mei­ne Zeit ver­brin­gen möch­te. Zwar leuch­tet es mir ein, dass das Sit­zen auf der hei­mi­schen Couch an­ge­neh­mer ist als kon­zen­trier­tes Au­to­fah­ren. Je­doch geht das Über­tre­ten von Re­geln und Vor­schrif­ten im­mer auf Kos­ten an­de­rer. Wenn dann auch noch mit ei­nem Au­gen­zwin­kern oder Schul­ter­zu­cken be­haup­tet wird, man kön­ne halt nicht lang­sam fah­ren, wer­de ich fuch­sig. Denn bei Feh­lern geht es schnell ans Ein­ge­mach­te. Auf ihre Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit an­ge­spro­chen, wech­seln die Sün­der oft in den An­griffs­mo­dus oder die Op­fer­rol­le – was al­les nur noch schlim­mer macht. Spo­ra­disch durch­ge­führ­te Ge­schwin­dig­keits­kon­trol­len wer­den dann wahl­wei­se als Ab­zo­cke oder Schi­ka­ne bezeichnet.

Da­bei man­gelt es an drei grund­le­gen­den Dingen:

  • Ver­ant­wor­tung für das ei­ge­ne Han­deln über­neh­men: Wenn ich zu schnell fah­re, muss ich da­für im Zwei­fel bezahlen.
  • Fach­leu­ten Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen: Wenn der Ex­per­te die Ge­schwin­dig­keit be­grenzt, wird da­für ei­nen sach­li­chen Grund geben.
  • De­mut zei­gen: Wenn ich mit an­de­ren den Stra­ßen­raum tei­le, muss ich nicht zu je­der Zeit schnel­ler ans Ziel ge­lan­gen als alle anderen.

Die lange Liste der täglichen Vergehen

Auf zwei weit­ver­brei­te­te Ver­stö­ße möch­te ich noch kurz ein­ge­hen: Das Nicht­hal­ten am Stopp­schild und das Nicht­set­zen des Blin­kers. Oft ste­he ich am Stopp­schild und kann förm­lich spü­ren, dass der Kol­le­ge hin­ter mir ge­nervt ist, wenn ich tat­säch­lich an­hal­te. Das löst dann wie­der­um bei mir ne­ga­ti­ve Emo­tio­nen aus. Da­bei ist es ziem­lich leicht­sin­nig, nicht am Stopp­schild zu hal­ten. Und vie­le über­schät­zen ihre ko­gni­ti­ven Fä­hig­kei­ten an un­über­sicht­li­chen Stel­len. Durch ihre Ra­se­rei mer­ken sie häu­fig gar nicht, dass sie an­de­re gefährden.

Nicht we­ni­ger sit­ten­wid­rig ist es, beim Ab­bie­ge­vor­gang den Blin­ker nicht zu set­zen – ein Be­neh­men, das man­geln­de Em­pa­thie ver­mu­ten lässt. Da ich für ge­wöhn­lich weiß, in wel­che Rich­tung ich möch­te, blin­ke ich nur für an­de­re. Durch die Nut­zung der Rich­tungs­an­zei­ge gebe ich In­for­ma­tio­nen, die Un­fäl­le ver­mei­den hel­fen. Und da­bei muss man fürs Blin­ken – Ach­tung: Wort­spiel – noch nicht mal ei­nen Fin­ger krumm ma­chen. Die Lis­te lie­ße sich fort­füh­ren (Si­cher­heits­ab­stand nicht ein­hal­ten, Par­ken in zwei­ter Rei­he, Vor­fahrt miss­ach­ten, un­nö­ti­ges Hu­pen, ver­ges­se­nes Licht­an­schal­ten und so weiter).

Co­ro­na-Kri­se: Die Co­vid-19-Pan­de­mie sorgt auf den Stra­ßen für spür­bar mehr Frei­raum. In Ein­zel­fäl­len konn­te ich eine ge­wis­se Ent­span­nung und eine hö­he­re Rück­sicht­nah­me fest­stel­len. Es bleibt zu hof­fen, dass das Vi­rus die Ver­kehrs­welt lang­fris­tig po­si­tiv verändert.

Verkehrsmoral und das Wesen einer guten Autofahrt

Auch wenn die Zahl der Ver­kehrs­to­ten his­to­risch nied­rig ist, darf man nicht auf­hö­ren, nach neu­en We­gen für mehr Si­cher­heit zu su­chen. Ge­ra­de Schnell­fah­rer be­haup­ten häu­fig, be­son­ders gute Au­to­fah­rer zu sein – da­bei ist es eher um­ge­kehrt. Es muss et­was ge­tan werden.

Nach mei­ner An­sicht zeich­nen eine gute Au­to­fahrt drei Aspek­te aus:

  • Ich und mei­ne Bei­fah­rer kom­men si­cher und ent­spannt ans Ziel.
  • An­de­re Ver­kehrs­teil­neh­mer füh­len sich durch mei­ne Fahr­wei­se nicht be­läs­tigt oder gar genötigt.
  • Durch mei­ne Fahr­wei­se ver­brau­che ich mög­lichst we­nig Kraft­stoff und scho­ne das Fahrzeug.

Besonnen fahren: Wie kann das gehen?

Ich möch­te ehr­lich sein: Auch mir fehlt in man­chen Si­tua­tio­nen die Ge­duld und mit der Ge­las­sen­heit ist es auch nicht im­mer wirk­lich weit her. Und doch sei es mir er­laubt, die For­de­rung nach mehr Ver­kehrs­mo­ral auf deut­schen Stra­ßen auf­zu­stel­len. Be­son­ders das Be­fol­gen des drit­ten Punkts hat bei mir dazu ge­führt, auch die ers­ten bei­den Aspek­te ziel­ge­rich­te­ter umzusetzen.

In al­len mo­der­nen Au­tos kann sich der Fah­rer In­for­ma­tio­nen über den ak­tu­el­len so­wie durch­schnitt­li­chen Kraft­stoff­ver­brauch an­zei­gen las­sen. Mit der in­di­vi­du­el­len Fahr­wei­se kön­nen die­se Wer­te stark be­ein­flusst wer­den. Wie viel En­er­gie be­nö­tigt wird, um ein Auto auf Ge­schwin­dig­keit zu brin­gen und zu hal­ten, zeigt ein Ver­gleich zum Rad­fah­ren: Der na­tür­li­che Feind des Rad­fah­rers ist der Wind (bei ge­müt­li­cher Fahrt) be­zie­hungs­wei­se der Fahrt­wind (bei sport­li­cher). Je­der kennt die da­mit ver­bun­de­nen Kraft­an­stren­gun­gen aus per­sön­li­cher, leid­vol­ler Er­fah­rung. Die Über­tra­gung auf das Auto – auch die­ses ächzt bei zu ho­her Be­las­tung – hat mir ge­hol­fen, den Fuß vom Gas­pe­dal zu nehmen.

Ein wenig Physik zum Nachdenken und Runterfahren

Bei Kör­pern, die sich durch das Me­di­um Luft be­we­gen, steigt der Luft­wi­der­stand pro­por­tio­nal zum Qua­drat der Ge­schwin­dig­keit. Aus die­ser phy­si­ka­li­schen Ge­setz­mä­ßig­keit folgt: Be­reits bei ei­ner Ge­schwin­dig­keits­stei­ge­rung von 80 auf 90 Ki­lo­me­ter pro Stun­de er­höht sich der Luft­wi­der­stand um mehr als ein Vier­tel. Da in die­ser Tem­po­re­gi­on der Luft­wi­der­stand rund 50 Pro­zent des Ge­samt­wi­der­stands aus­macht (der Rest geht für die Roll­rei­bung drauf), steigt der Sprit­ver­brauch um über zehn Pro­zent. Egal, wie ef­fi­zi­ent ein Mo­tor arbeitet.

Seit­dem ich mir die­se Rech­nung vor Au­gen ge­führt habe, kann es vor­kom­men, dass ich in ei­ner 100er-Zone ki­lo­me­ter­weit mit 80 Stun­den­ki­lo­me­ter fah­re – im­mer vor­aus­ge­setzt, ich ste­he nie­man­dem im Weg und kann ohne Pro­ble­me über­holt wer­den. Dann freue ich mich, dass ich nä­he­rungs­wei­se ein Vier­tel we­ni­ger Ben­zin ver­brau­che, als all die Ge­hetz­ten, die das Li­mit voll aus­rei­zen. Und wenn ich kon­se­quent zehn Pro­zent lang­sa­mer fah­re, be­nö­ti­ge ich bei mei­ner ein­stün­di­gen Fahrt le­dig­lich fünf Mi­nu­ten mehr Zeit. Da­bei scho­ne ich die Um­welt, den Geld­beu­tel und vor al­lem mei­ne Ner­ven. Das ist es mir wert – und die wich­ti­ge Er­kennt­nis lau­tet: Es gibt ei­nen Weg zu mehr Verkehrsmoral.

Her­aus­for­de­rung: Ver­su­chen Sie eine Wo­che lang, sich an alle Ver­kehrs­re­geln zu hal­ten. Und re­flek­tie­ren Sie an­schlie­ßend, wie sich Ihr Blick auf die ei­ge­ne Ver­kehrs­mo­ral und die der an­de­ren verändert.

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