Mein Sportjahr im TV: In 11 Disziplinen durch die Saison

Sport ist mei­ne Lei­den­schaft – im Fern­se­hen. Ob im frei emp­fang­ba­ren Pro­gramm, in Me­dia­the­ken oder bei Strea­ming-Diens­ten – Sport im TV: Das geht ei­gent­lich im­mer und in al­len Jahreszeiten.

In die­sem Ar­ti­kel be­ant­wor­te ich fol­gen­de Fragen:

  • Wie ver­tei­len sich die sport­li­chen High­lights über das Jahr? 
  • Was sind die tech­ni­schen und po­li­ti­schen Besonderheiten?
  • Wel­che Mo­de­ra­to­ren und Re­por­ter ste­chen heraus?

Doch be­vor es rich­tig los­geht, soll kurz der Hin­ter­grund ge­klärt werden.

Aufwärmphase

Live-Sport als Entertainment unverzichtbar

Sport als Fern­seh­un­ter­hal­tung ist für mich seit mei­nem zehn­ten Le­bens­jahr ein The­ma. Seit­dem neh­me ich je­den Tag In­for­ma­tio­nen auf – auch wenn es nur ein kur­zer Scan der Schlag­zei­len im Te­le­text ist. Das Sport­jahr struk­tu­riert mein Le­ben wie Fei­er­ta­ge und Jah­res­zei­ten und er­weckt woh­li­ge Gefühle.

An der Sport­be­richt­erstat­tung mag ich vor al­lem die Hin­ter­grund­ge­schich­ten und die Po­li­tik. Au­ßer­dem ist sie eine na­he­zu un­er­schöpf­li­che Wis­sens­quel­le in den Fä­chern Geo­gra­fie, Kul­tur, Ge­schich­te, Bio­lo­gie, Phy­sik und Che­mie (die­ses Ar­gu­ment möch­te ich kei­nes­falls vor­schie­ben). Vor al­lem dient mir der Sport als Un­ter­hal­tung im All­tag. Ins­be­son­de­re der Live-Sport ver­mag es, wirk­lich gro­ße Emo­tio­nen auszulösen.

Fehlendes Wissen als Stimmungskiller

Wie oft habe ich Aus­sa­gen wie fol­gen­de ge­hört: „Ach, For­mel 1 fin­de ich lang­wei­lig – mal ab­ge­se­hen da­von, dass das doch so­wie­so kein Sport ist. Ich gu­cke lie­ber Bi­ath­lon, das ist im­mer su­per span­nend.“ Da schla­ge ich in­ner­lich die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men. Ich sehe das dif­fe­ren­zier­ter: Es gibt span­nen­de Bi­ath­lon-Wett­kämp­fe und lang­wei­li­ge For­mel-1-Ren­nen – und umgekehrt.

Ent­schei­dend ist, ein Grund­wis­sen zu ha­ben und den Sport über ei­nen län­ge­ren Zeit­raum zu ver­fol­gen. Wenn ich die Prot­ago­nis­ten über zwei Jahr­zehn­te hin­weg be­ob­ach­te, ihre Emo­tio­nen und Ana­ly­sen aus In­ter­views ken­ne, ent­steht eine Ver­bun­den­heit, die weit über ein ein­zel­nes Event hin­aus­reicht. Das ist nicht an­ders als bei ei­ner Sei­fen­oper oder Net­flix-Se­rie. Eine Fol­ge her­aus­zu­pi­cken ge­nügt nicht, um ein fun­dier­tes Ur­teil fäl­len zu können.

Die­ser Ar­ti­kel ist da­her ein Ap­pell für mehr Of­fen­heit: Sport­ar­ten soll­ten nicht ge­gen­ein­an­der aus­ge­spielt wer­den, son­dern sich ab­wech­seln und ge­gen­sei­tig be­för­dern. In 365 Ta­gen fin­det vie­les Platz. In die­sem Sin­ne: Auf die Plät­ze, fer­tig, los!

Co­ro­na-Kri­se: Und … stopp! Die Co­vid-19-Pan­de­mie war ein Ein­schnitt für alle Sport­fans. Das Sport­jahr 2020 wird in die Ge­schich­te ein­ge­hen, weil alle Li­gen und Meis­ter­schaf­ten für Mo­na­te un­ter­bro­chen wa­ren oder kom­plett aus­fie­len. Die Kri­se of­fen­bar­te auf schmerz­haf­te Wei­se, wel­che Be­deu­tung das The­ma hat – und zeigt, wie wich­tig es ist, Sport­events und al­les drum her­um abzufeiern.

Januar bis März: Von Down Under in die USA und wieder zurück

Januar (Tennis) – Australien Open

Zwischen Grand Slam und Hinterhof

Die Aus­tra­li­en Open im Ten­nis bil­den den Auf­takt in mein Sport­jahr. Wäh­rend in Deutsch­land tiefs­ter Win­ter herrscht, ist in Mel­bourne der Som­mer in vol­lem Gan­ge. Zu be­ob­ach­ten, wie die Spie­ler bei Hit­ze die klei­ne Filz­ku­gel über das Netz schla­gen, ist für mich wie ein klei­ner Ur­laub. Im Jah­res­ver­lauf fol­gen drei wei­te­re Grand-Slam-Tur­nie­re in Pa­ris, Lon­don und New York (die­se Städ­te habe ich per­sön­lich be­reist und da­her eine spe­zi­el­le Ver­bin­dung). Die­se vier wich­tigs­ten Tur­nie­re ver­fol­ge ich in­ten­siv, denn sie ha­ben ei­nen be­son­de­ren Cha­rak­ter. In der ers­ten Wo­che fin­den na­he­zu pau­sen­los Spie­le statt. In der zwei­ten Wo­che zeigt sich, wer tat­säch­lich zu den Fa­vo­ri­ten zählt, und die Par­tien ge­win­nen mit je­der Run­de an Be­deu­tung. Klei­ne Tur­nie­re schaue ich eher un­ge­zielt und sporadisch.

Ten­nis ver­fol­ge ich seit Mit­te der 1990er-Jah­re. Mei­ne ers­ten Er­in­ne­run­gen sind Du­el­le mit Na­men wie Stef­fi Graf, Mar­ti­na Hin­gis und Lind­say Da­ven­port so­wie Pete Sam­pras, And­re Agas­si und Bo­ris Be­cker. Als Zehn­jäh­ri­ger habe ein­mal auf un­se­rem Hin­ter­hof mit Pin­sel und Far­be ein hal­bes Spiel­feld vor eine Wand ge­malt. Aus­ge­rüs­tet mit Fe­der­ball­schlä­ger und Trink­päck­chen habe ich dann bei 30 Grad im Schat­ten die wich­tigs­ten Matches nach­ge­spielt. Wäh­rend der French Open, bei de­nen auf Sand ge­spielt wird, habe ich den Platz so­gar mit ei­ner fei­nen Kies­schicht bestäubt.

Tennis bildet den Auftakt.
Die Aus­tra­li­an Open im Ten­nis bil­den den Auf­takt in mein Sportjahr.

Von Adleraugen und alter neuer Klasse

Das Spiel mit dem klei­nen gel­ben Ball ist im wahrs­ten Sin­ne ein stän­di­ges Hin und Her: Wenn der zu­nächst un­ter­le­ge­ne Spie­ler ei­nen Match­ball ab­wehrt und am Ende doch noch als Sie­ger den Court ver­lässt, ist das schon sehr emo­tio­nal. Aus Zu­schau­er­sicht ist das ein­zel­ne Spiel gut greif­bar. Hin­ge­gen ist die Be­rech­nung der Welt­rang­lis­te, die für die Be­set­zung der Tur­nie­re wich­tig ist, eher un­durch­sich­tig (eine Fuß­ball­meis­ter­schaft mit Drei-Punk­te-Re­gel er­schließt sich deut­lich leich­ter). Tech­nisch in­ter­es­sant ist die Ein­füh­rung des Hawk-Eye ab Mit­te der Nuller­jah­re. Mit­hil­fe die­ser Tech­no­lo­gie kön­nen knap­pe Ent­schei­dun­gen mil­li­me­ter­ge­nau ab­ge­klärt wer­den. Wenn auf der Vi­deo­wand die Ani­ma­ti­on der Flug­kur­ve zu se­hen ist, geht im­mer ein Rau­nen durchs Sta­di­on. So ge­se­hen er­hö­hen die­se kur­zen Un­ter­bre­chun­gen aus mei­ner Sicht die Span­nung so­gar noch (was beim Fuß­ball von der Mehr­heit ten­den­zi­ell an­ders ge­se­hen wird). Ich be­grü­ße es, dass die Li­ni­en­tech­no­lo­gie voll eta­bliert ist, denn ge­gen rich­ti­ge Ent­schei­dun­gen soll­te ei­gent­lich kei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on ankommen.

An Bo­ris Be­cker mö­gen sich die Geis­ter schei­den, ich möch­te an die­ser Stel­le eine Lan­ze für ihn bre­chen. Sei­ne Leis­tung als Kom­men­ta­tor auf Eu­ro­sport ist wie sein Spiel in den Acht­zi­ger­jah­ren: ganz gro­ßes Ten­nis. Hier glänzt der ehe­ma­li­ge Welt­rang­lis­ten­ers­te mit ei­ner Ex­per­ti­se, die ih­res­glei­chen sucht. Und be­weist gleich­zei­tig Grö­ße durch Selbst­iro­nie (Be­cker bei den US-Open (sinn­ge­mäß): „Der Jun­ge ver­dient durch sei­ne Leis­tung jetzt eine Stan­ge Geld. Ich wür­de ihm ra­ten, nicht in die Stadt zu ren­nen und al­les zu ver­pras­sen, son­dern lie­ber eine se­riö­se Bank auf­zu­su­chen.“) Ge­mein­sam mit Mat­thi­as Stach, der eben­falls ein pas­sa­bler Ten­nis­spie­ler war, bil­det er ein aus­ge­zeich­ne­tes Dop­pel. Im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes: Das Duo wur­de mit dem Deut­schen Fern­seh­preis 2018 dekoriert.

Februar (Football)– Super Bowl

Show auf dem Feld, Show neben dem Feld

Am ers­ten Sonn­tag im Fe­bru­ar fin­det ei­nes der größ­ten Ein­zel­er­eig­nis­se in der Sport­welt statt. Der Su­per Bowl ist das Fi­na­le der NFL, der stärks­ten Foot­ball-Liga. Mo­der­ne Gla­dia­to­ren mit spa­ci­gen Hel­men pral­len auf­ein­an­der, dass es nur so rap­pelt im Kar­ton. Je­des Jahr stellt sich auf­grund der Zeit­ver­schie­bung die Fra­ge, ob ich das Spiel live bis zum Ende gu­cken kann. Wäh­rend mei­ner Stu­di­en­zeit hat es ein paar Male ge­klappt. Seit dem Ein­stieg in die Be­rufs­tä­tig­keit ist es un­ver­nünf­tig, ein Spiel im Fern­se­hen bis tief in die Nacht hin­ein zu schau­en. Am meis­ten Spaß hat­te ich mit mei­nem bes­ten Freund, der als ech­ter Aus­ken­ner schon mal ein ori­gi­na­les ame­ri­ka­ni­sches Bier für uns or­ga­ni­siert hat. Un­ver­ges­sen ist das Fi­na­le aus dem Jahr 2017 zwi­schen den New Eng­land Pa­tri­ots und den At­lan­ta Fal­cons. Das Team aus Mas­sa­chu­setts lag zwi­schen­zeit­lich mit 25 Punk­ten zu­rück, ret­te­te sich in die Over­ti­me und ge­wann die Tro­phäe doch noch. Mein Freund, ein Pa­tri­ots-Fan konn­te stun­den­lang nicht ein­schla­fen. Ich ver­ließ sei­ne Woh­nung am nächs­ten Mor­gen und ließ ihn schlafen.

Ein High­light ist die be­rühm­te Halb­zeit-Show, über die in vie­len Me­di­en mehr be­rich­tet wird als über die ent­schei­den­den Spiel­zü­ge. In Er­in­ne­rung ist mir der Auf­tritt aus dem Jahr 2014 von Bru­no Mars und den Red Hot Chi­li Pep­pers, mei­ner Lieb­lings­band. Der Gig war ein Fest für mich, auch wenn Gi­tar­re, Bass und Schlag­zeug der Trup­pe aus Los An­ge­les vor­ab ein­ge­spielt wer­den muss­ten. Die Ver­an­stal­ter wol­len bei der Show kei­ner­lei Ri­si­ken ein­ge­hen. Und schie­fe Töne und schnar­ren­de Sai­ten wür­de die an­ge­streb­te Per­fek­ti­on wohl zu sehr stö­ren. So­mit ist und bleibt es eine rie­si­ge In­sze­nie­rung – aber eine im­po­san­te. Wenn stol­ze Mu­si­ker sich auf die strik­tes­ten Auf­la­gen ein­las­sen, zeugt das von der Be­deu­tung des Auf­tritts zwi­schen den Halbzeiten.

Von weichen und smarten Köpfen

Die ex­tre­men phy­si­schen Be­las­tun­gen sind Fluch und Se­gen zu­gleich. Foot­ball hat mit der Krank­heit CTE ein rie­si­ges Pro­blem: Je nach Stu­die sind na­he­zu alle un­ter­such­ten Sport­ler von der Chro­nisch Trau­ma­ti­schen En­ze­pha­lo­pa­thie be­trof­fen, die durch Kol­li­sio­nen mit dem Kopf ver­ur­sacht wird. Sie führt zu Ge­dächt­nis­ver­lust, De­pres­sio­nen und De­menz. Selbst kurz­zei­tig ak­ti­ve Spie­ler zei­gen die Krank­heit, die erst nach dem Tod dia­gnos­ti­ziert wer­den kann. Auch wenn nicht alle Stu­di­en re­prä­sen­ta­tiv sind (so­wohl in der Aus­wahl der Spie­ler als auch in der Zeit, in der sie ak­tiv wa­ren), ha­ben sie doch über­fäl­li­ge De­bat­ten an­ge­sto­ßen. Die ver­schärf­ten Re­geln sind ein Be­leg, dass die Men­schen lern­fä­hig sind. Die Zeit, die es da­für ge­braucht hat, ist al­ler­dings ein Zei­chen für das Be­har­rungs­ver­mö­gen. Wei­te­re Maß­nah­men müs­sen er­wo­gen wer­den, um den Foot­ball für Ak­ti­ve und Fans at­trak­tiv zu hal­ten. Denn trotz al­ler Po­pu­la­ri­tät kann eine Sport­art mit der Zeit aus der Zeit fal­len. Das Bo­xen ist für mich so ein le­ben­des Sportfossil.

Die Be­richt­erstat­tung der ran-Re­dak­ti­on auf Pro­Sie­ben er­frischt mich. Auf der ei­nen Sei­te mo­de­rie­ren und kom­men­tie­ren dort ehe­ma­li­ge Spie­ler wie Jan Ste­cker und Pa­trick Esu­me, die das Spiel ein­stei­ger­ge­recht und mit Be­geis­te­rung er­klä­ren. Auf der an­de­ren Sei­te bie­tet vor al­lem der lang­haa­ri­ge Si­de­kick Chris­toph „Icke“ Dom­misch fri­sche und elo­quen­te Un­ter­hal­tung mit Bran­den­bur­ger Dia­lekt (den ich auch spre­che). In der Re­gel ner­ven mich die häu­fi­gen So­cial-Me­dia-Quer­ver­wei­se im li­nea­ren Fern­se­hen. Denn wenn ich wis­sen wol­len wür­de, was auf Twit­ter ab­geht, wür­de ich mich dort di­rekt her­um­trei­ben. Bei ei­ner ran-Sen­dung ist das an­ders, weil es ein­fach gut ge­macht ist.

März (Rennsport)– Auftakt der Formel 1

Zwischen roter Lampen und Zielflagge

Wenn an ei­nem Sonn­tag­mor­gen im März noch vor sechs Uhr der We­cker klin­gelt, freue ich mich wie ein Kind. Der ers­te Griff geht zur Fern­be­die­nung: Das Bild zeigt das em­si­ge Trei­ben in der Bo­xen­gas­se. Kur­ze Zeit spä­ter ste­hen die Au­tos im Son­nen­licht, der Asphalt flim­mert, fünf rote Lam­pen ge­hen an und dann – aus. Das ers­te Ren­nen ist im­mer et­was Be­son­de­res. Al­les ist frisch, je­der Fah­rer star­tet mit null Punk­ten in die Sai­son. Die Au­tos ha­ben an­de­re For­men und Far­ben, neue Ge­sich­ter ste­cken un­ter den Hel­men. Kurz­um: Es gibt eine Men­ge zu er­zäh­len. For­mel 1 ist Mo­tor­sport, wie er sein soll. Auch Tou­ren­wa­gen, Mo­toGP, Ral­lye & Co. – al­les gut und schön. Die For­mel 1 ist für mich das ab­so­lu­te Nonplusultra.

Seit der zwei­ten Häl­fe der 1990er-Jah­re ver­fol­ge ich die Kö­nigs­klas­se – da­mals mit Fah­rern wie Jean Ale­si, Ger­hard Ber­ger oder John­ny Her­bert. Das ers­te Ren­nen, das ich er­in­ne­re, war der Gro­ße Preis von Mo­na­co 1996. Ich kleb­te förm­lich an der Matt­schei­be, fas­zi­niert von der Stre­cke und dem Mo­tor­ge­heul. Die Fah­rer hat­ten auf dem Stadt­kurs im Dau­er­re­gen we­ni­ger Haf­tung: Nur drei Pi­lo­ten er­reich­ten das Ziel. Von da an sah ich die Ren­nen, wann im­mer mög­lich. Un­ver­ges­sen sind der ers­te WM-Ti­tel von Se­bas­ti­an Vet­tel 2010 und die Meis­ter­schaft von Nico Roß­berg 2016 – bei­de im letz­ten Ren­nen in Abu Dha­bi. Nach Vet­tels Tri­umph sah ich ihn auf der Ber­li­ner Fan­mei­le am Bran­den­bur­ger Tor. Der Mo­tor­sound klingt mir noch heu­te in den Ohren.

Komplexität und Überforderung

Die For­mel 1 ist kom­plex – das muss sie als Kö­nigs­klas­se: Po­si­tiv ste­chen die An­triebs­tech­nik mit Hy­brid­mo­to­ren und die stark er­höh­te Si­cher­heit (etwa durch das Halo-Sys­tem) her­vor. Neue­run­gen, die von Pu­ris­ten scharf kri­ti­siert wur­den – was spä­tes­tens nach dem un­fass­ba­ren Un­fall von Ro­main Gros­jean in Bah­rain 2020 ein Ende ha­ben muss. Eben­falls wich­tig, aber lei­der nicht vor­han­den, ist die sport­li­che Aus­ge­gli­chen­heit: Die Do­mi­nanz der Top­teams Mer­ce­des, Fer­ra­ri und Red Bull ist er­drü­ckend. Von März 2013 (Räik­kö­nen, Lo­tus) bis Sep­tem­ber 2020 (Gas­ly, Al­phaTau­ri) sieg­ten aus­schließ­lich Fah­rer der gro­ßen drei Renn­stäl­le. Trotz ge­le­gent­li­cher Rad-an-Rad-Du­el­le ist die Ein­tö­nig­keit im­mens. Häu­fig wur­den Re­gel­än­de­run­gen um­ge­setzt, ge­bracht hat es meist wenig.

Mit wohl kei­nem Kom­men­ta­to­ren-Paar habe ich so viel Zeit ver­bracht wie mit Hei­ko Wa­ßer und Chris­ti­an Dan­ner. Wer die For­mel 1 im Free-TV ver­folgt, kommt am Rhein­län­der und dem Bay­ern nicht vor­bei. Häu­fig wir­ken sie selbst nach drei­ßig Jah­ren noch über­for­dert. Eine klas­si­sche Sze­ne: Ein Fah­rer tou­chiert, klar er­kenn­bar im Live-Bild, beim Über­hol­ma­nö­ver den Bo­li­den des Geg­ners. Der eine fliegt so­fort ab, der an­de­re hat bald ei­nen Rei­fen­scha­den. Hei­ko und Chris­ti­an spe­ku­lie­ren noch mi­nu­ten­lang über mög­li­che Hy­drau­lik­de­fek­te, plötz­li­chen Sei­ten­wind oder Trüm­mer­tei­le als Ur­sa­che. Erst in der drit­ten Zeit­lu­pe se­hen es die bei­den dann auch. Im Kon­trast dazu ist Kai Ebel, das Uni­kum der deut­schen Sport­be­richt­erstat­tung, eine wah­re Freu­de für mich. Im­mer auf den Punkt und durch­set­zungs­stark im Grid. Emp­feh­lens­wert ist die Net­flix-Do­kurei­he Dri­ve to Sur­vi­ve, von der zwei Staf­feln über die Sai­sons 2018 und 2019 am Start sind.

April bis Juni: Pockets, Pucks und Pause

April (Snooker) – Snooker-Weltmeisterschaft

Willkommene Ablenkung und höchster Respekt

Snoo­ker trat wäh­rend der Ober­stu­fe in mein Le­ben. In Er­in­ne­rung sind lan­ge Nach­mit­ta­ge in Prü­fungs­pha­sen, die vom Spiel am grü­nen Tisch be­glei­tet wur­den. Snoo­ker auf Eu­ro­sport ge­hör­te zum Ler­nen ein­fach dazu. In der Cli­que kann­te je­der Ron­nie O’Sullivan, Ste­phen Hen­dry und Shaun Mur­phy. Das kann man durch­aus als Phä­no­men be­zeich­nen – Schü­ler, die eine Bil­lard­va­ri­an­te im Fern­se­hen schau­en. Man schal­te­te ein­fach ein und ließ es lau­fen. Dazu ei­nen Kaf­fee und ein Stück Ku­chen – per­fekt. Da­bei war es nicht so, dass man sich um­fas­send in­for­mier­te oder sich auf das Halb­fi­na­le am kom­men­den Tag freu­te. Wenn man eine Run­de ver­pass­te, war das kein Weltuntergang.

Nun hat je­der si­cher­lich schon ein­mal Bil­lard in der Knei­pe ge­spielt. Als jun­ger Er­wach­se­ner habe ich so ei­ni­ge Abend am Tisch ge­stan­den, ge­raucht und ge­trun­ken und da­bei ein paar Ku­geln ge­locht. Nur ein­mal in mei­nem Le­ben habe ich mir eine hal­be Stun­de Snoo­ker ge­gönnt. Der Tisch lang wie der im Saal des Earl of Do­rincourt, dar­auf ver­teilt vie­le bun­te Mur­meln. Wir ha­ben viel­leicht fünf Bäl­le ge­locht. Selbst klei­ne Breaks wa­ren un­er­reich­bar, ein Fort­set­zung nach ei­nem Glücks­tref­fer na­he­zu un­mög­lich. Et­was ent­täuscht und vol­ler De­mut ga­ben wir die Bäl­le und an den Spiel­hal­len­be­trei­ber zurück.

Etikette und kultivierte Sachlichkeit

Snoo­ker ist eine bri­ti­sche An­ge­le­gen­heit: Im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich gibt es or­ga­ni­sier­te Spie­ler im mitt­le­ren ein­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich. Das ist fast je­der zehn­te auf der In­sel. Seit ei­ni­ger Zeit rü­cken zu­neh­mend chi­ne­si­sche Spie­ler in den Rang­lis­ten nach oben. Seit 1977 wird als Sai­son­ab­schluss im Cru­ci­ble Theat­re im eng­li­schen Shef­field die Welt­meis­ter­schaft aus­ge­tra­gen. Sport im Thea­ter, Sport­ler in fei­ner Gar­de­ro­be – das hat et­was von Ele­ganz und Kul­tur. Tech­nisch und tak­tisch ver­sier­te Män­ner mit Denk­fal­ten auf der Stirn, die sich über Stun­den du­el­lie­ren, da­bei aber im­mer fair blei­ben, das hat ein­fach Stil. Dazu die ed­len Spiel­ge­rä­te und hoch­wer­tig ver­ar­bei­te­ten Ti­sche, eine Augenweide.

Apro­pos Sin­ne: Wer Snoo­ker im deut­schen Fern­se­hen schaut, kennt die Stim­me von Rolf Kalb. Beim ihm ist es wie bei ei­ner Film­syn­chro­ni­sa­ti­on: Eine an­de­re Stim­me wür­de vie­les zu­nich­te­ma­chen. Der Mann vom Nie­der­rhein be­sticht durch sei­ne sach­li­che Art der Be­richt­erstat­tung. Nach über drei­ßig Jah­ren im Fern­se­hen hat Kalb auch für Ken­ner der Sze­ne im­mer wie­der neue Ge­schich­ten auf La­ger. Snoo­ker hat sich über die Jah­re ei­nen fes­ten Platz in mei­nem Sport­jahr er­spielt. In Deutsch­land wird der Sport in ab­seh­ba­rer Zeit nicht aus der Ni­sche aus­bre­chen kön­nen – doch an­ders als an­ders­wo nei­gen die Be­tei­lig­ten nicht zur Larmoyanz.

Mai –Eishockey-Weltmeisterschaft

Rebellion und neue Faszination

Um die Jahr­tau­send­wen­de war es in Bran­den­burg noch mög­lich, auf Tei­chen Eis­ho­ckey zu spie­len. Und dar­aus wur­de eine Lei­den­schaft mei­ner Teen­ager-Zeit. Mit Eis­ho­ckey leb­te ich im sport­li­chen Be­reich mei­ne (ver­hal­ten) re­bel­li­sche Pha­se aus. Als der Fuß­ball im­mer do­mi­nan­ter wur­de, be­gann ich, et­was an­de­res zu su­chen und mich vom Fuß­ball gu­cken­den Main­stream ab­zu­set­zen. Eis­ho­ckey war ein­fach coo­ler, schnel­ler, span­nen­der. Aus heu­ti­ger Sicht war der Ver­gleich mit an­de­ren Sport­ar­ten un­an­ge­bracht und durch eine ge­hö­ri­ge Por­ti­on Trotz be­dingt. Aber so sind Ju­gend­lich nun mal – oft­mals et­was drüber.

Auch mein Kin­der­zim­mer ver­än­der­te sich. Zwar war Mu­sik eben­falls be­deut­sam, doch die Pos­ter zeig­ten die Stars aus der NHL: Le­mieux, Jágr, Fors­berg – wirk­lich klang­haf­te Na­men. Die Sen­dung „NHL Power­week“ war mei­ne Ein­stiegs­dro­ge. Im Ok­to­ber 2000 ein Spiel zwi­schen den Eis­bä­ren Ber­lin und den Mün­chen Ba­rons. Das High­light war eine Be­geg­nung zwi­schen den Eis­bä­ren Ber­lin und den Ber­lin Ca­pi­tals im al­ten Well­blech­pa­last. Vie­le Spie­le mit ver­schie­de­nen Freun­des- und Fa­mi­li­en­grup­pen folg­ten, bis heu­te bin ich dem Haupt­stadt­klub aus Ho­hen­schön­hau­sen treu.

Von Freistellung und großen Abständen

Mit­ten im Früh­ling, wenn die Tage schon som­mer­lich sein kön­nen, tra­gen die Ku­fen­cracks ihre jähr­li­che Welt­meis­ter­schaft aus. Da­mit ist Eis­ho­ckey die ein­zi­ge gro­ße Mann­schafts­sport­art, in der je­des Jahr ein Welt­meis­ter ge­kürt wird. In die­sem Zu­sam­men­hang wird im­mer wie­der die Be­deu­tung der stärks­ten Liga NHL deut­lich: Die dor­ti­gen Play­offs über­schnei­den sich mit der Meis­ter­schaft der Na­tio­nen. Nur Spie­ler von Teams, die die End­run­de nicht er­rei­chen oder früh aus­schei­den, kön­nen für ihr Land an­tre­ten. Glei­ches gilt für die feh­len­de Frei­stel­lung von NHL-Spie­lern für Olym­pia – von der Deutsch­land al­ler­dings in Pye­ong­chang 2018 pro­fi­tier­te, als man erst im Fi­na­le Russ­land mit 4:3 nach Ver­län­ge­rung un­ter­lag. Das war der mit Ab­stand groß­ar­tigs­te Eishockey-Moment.

Eis­ho­ckey be­sticht durch die Gleich­zei­tig­keit von Här­te und Ele­ganz. Doch es hat im Fern­se­hen schwer. Aus mei­ner Sicht liegt das auch am sehr klei­nen Spiel­ge­rät. Für un­ge­üb­te Zu­schau­er ist es eine Her­aus­for­de­rung, dem Puck zu fol­gen. Das frus­triert. Gro­ße Fern­se­her mit hoch­auf­lö­sen­den Bil­dern ma­chen es heu­te zwar et­was an­ge­neh­mer, aber das Grund­pro­blem bleibt. Hin­zu kom­men Ban­den und Ple­xi­glas so­wie di­cke Schutz­klei­dung. Mehr op­ti­sche Hür­den zwi­schen Fan und Spie­ler gibt es wohl nur beim Renn­sport. Die­se Di­stanz et­was re­du­zie­ren hel­fen seit Jah­ren Bas­ti Schwe­le und Erich Gold­mann, die hier­für auch für den Deut­schen Fern­seh­preis (Ka­te­go­rie „Bes­te Sport­sen­dung“) no­mi­niert wurden.

FORTSETZUNG FOLGT

Stand: No­vem­ber 2020